Davide Allieris Environments und raumgreifende Installationen verbreiten die atmosphärische Endzeitstimmung einer apokalyptischen Science-Fiction-Erzählung. Wirklichkeit und Fiktion, Vergangenheit und Zukunft, Untergang und Neuanfang – alles bewegt sich zwischen den Extremen. Der Künstler thematisiert darin die Bruchstellen und Transformationsmomente zwischen Mensch und Technik. In seiner künstlerischen Aneignung der Erzählstrategien des Genres überträgt sich jene genretypische existenzielle Angst, die ohne Hoffnung unerträglich wird. Die Hoffnung liegt in der Beantwortung der ewigen Frage des visionären „danach“: Wie und wo befinden wir uns, wenn das Ende der Welt droht? Worin liegt die Rettung, wie gelangen wir an einen sicheren Ort – und was ist der Preis?
Allieri zeigt uns einen Zwischenzustand, eine Zukunft, die vergangen scheint. Futuristisch anmutende, roboterhafte Maschinen oder ihre Versatzstücke mit losen Kabelenden sind – teils in riesigem Ausmaß – im fahlen Dunst einer unwirtlichen Gegend zum Stillstand gekommen. Wir werden Besuchende dieser Zeitabschnitte, betreten die Szenerie als Außenstehende in einem Museum und sind fasziniert von dieser artifiziellen Umgebung, die eine menschliche Gegenwart längst verworfen zu haben scheint. Befinden wir uns in der Vision einer
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Davide Allieris Environments und raumgreifende Installationen verbreiten die atmosphärische Endzeitstimmung einer apokalyptischen Science-Fiction-Erzählung. Wirklichkeit und Fiktion, Vergangenheit und Zukunft, Untergang und Neuanfang – alles bewegt sich zwischen den Extremen. Der Künstler thematisiert darin die Bruchstellen und Transformationsmomente zwischen Mensch und Technik. In seiner künstlerischen Aneignung der Erzählstrategien des Genres überträgt sich jene genretypische existenzielle Angst, die ohne Hoffnung unerträglich wird. Die Hoffnung liegt in der Beantwortung der ewigen Frage des visionären „danach“: Wie und wo befinden wir uns, wenn das Ende der Welt droht? Worin liegt die Rettung, wie gelangen wir an einen sicheren Ort – und was ist der Preis?
Allieri zeigt uns einen Zwischenzustand, eine Zukunft, die vergangen scheint. Futuristisch anmutende, roboterhafte Maschinen oder ihre Versatzstücke mit losen Kabelenden sind – teils in riesigem Ausmaß – im fahlen Dunst einer unwirtlichen Gegend zum Stillstand gekommen. Wir werden Besuchende dieser Zeitabschnitte, betreten die Szenerie als Außenstehende in einem Museum und sind fasziniert von dieser artifiziellen Umgebung, die eine menschliche Gegenwart längst verworfen zu haben scheint. Befinden wir uns in der Vision einer fernen Zukunft oder stehen wir vor den Relikten einer untergegangenen Zivilisation?
Des Künstlers skulpturale Arbeiten tragen diese atmosphärische Spannung in sich, durch ihre außergewöhnliche Ästhetik und Formgebung: Sie sind reizvoll und unheimlich zugleich, sie wirken abschreckend und schön, tot, ausgeschlachtet, vom Strom genommen und doch tragen sie das Potenzial des Lebendigen in sich. Sie nehmen eine Präsenz zwischen starrem Objekt, hochkomplexer Maschine und natürlichem Organismus an und verweisen so auf eine unsichtbare menschliche Existenz, deren wir uns durch unsere eigene Beobachtung auf unheimliche Weise bewusst werden.
Inspiration findet Allieri in animierten, vom Menschen gesteuerten Robotern. Die teils monumentalen Gestalten des Künstlers greifen einerseits auf Erfindungen der Science-Fiction zurück, andererseits auf Fundus von Motorrad- und Karosserieteilen unserer Gegenwart. Die Elemente werden räumlich collagiert und ergeben dysfunktionale Gebilde, die wie eigenständige Kreaturen erscheinen. Besonders hervorzuheben ist dabei die Materialwahl: Seit 2022 arbeitet der Künstler vorwiegend mit Fiberglas. Der glasfaserverstärkte Kunststoff weist Eigenschaften auf, die der Formgebung in besonderem Maße zuträglich sind und eine technologische, futuristische Aura heraufbeschwören. Der Arbeitsprozess ist aufwendig und intensiv, das Material anschließend beständig, starr und flexibel zugleich – und von einer faszinierenden Haptik. In seiner ungewöhnlichen Anmutung wird es in Allieris experimentellem Gebrauch zu einem Markenzeichen, das seine Schaffung einer Welt außerhalb unserer Gegenwart wesentlich unterstützt.
In Dornbirn bietet die Industriebrache einen idealen Ausgangspunkt für Allieris künstlerisches Universum. Hier realisiert er sein bislang größtes Environment, welches den Ort vollständig transformiert und seinen neu geschaffenen Skulpturen einen raumspezifischen Kontext verleiht, der die Erzählung mit allen Sinnen erfahrbar macht. Die Architektur erzählt von längst vergangenen Epochen, von Erfolgen und Katastrophen der Vorarlberger Metallindustrie. Schirmt der italienische Künstler den riesigen Raum nun gegen das Tageslicht ab und installiert eine diffuse Lichtstimmung, so tritt man tatsächlich vom frühlingshaften Stadtgarten in eine andere Sphäre, in eine andere Zeit ein. Doch ob diese Welt hoffnungsvoll das Tor zu einem Neubeginn öffnet oder den dystopischen Schlusspunkt einer untergegangenen Zivilisation markiert, bleibt unentschieden – oder uns selbst überlassen.
Davide Allieri (geboren 1982 in Bergamo, Italien) absolvierte sein Studium an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand, wo er heute lebt und arbeitet. Seine Werke wurden in zahlreichen Institutionen und Ausstellungsräumen gezeigt, darunter im Kunstmuseum Den Haag („New New Babylon –Visions for Another Tomorrow”, 2025), der Triennale Milano („After All”, Einzelausstellung, 2024), der Galerie Hubert Winter in Wien („CELLS”, Einzelausstellung, 2023), dem PalazzoMonti in Brescia („HOLDER”, Einzelausstellung, 2023), dem House, Berlin („Very friendly”,2023), im DAS Ausstellungsraum in Mailand („BUIA 1:31”, 2019) und in Projekten der Kraupa-Tuskany Zeidler Galerie in Berlin („NEXUS”, 2024). 2024 erhielt er zusammen mit der Galerie Hubert Winter den viennacontemporary | Bildrecht SOLO Award.
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